PE geht kochen

Lieber Ryan,

ok, ich hab’s verstanden. “Only God Forgives” sollte so ein Brett sein wie “Drive”, mit eindringlichen Bildern, edlen Slow-Motions, einem abgefahrenen Soundtrack und einem “Rambo” alle Ehre machenden Sprachanteil deinerseits. Das funktioniert aber nicht jedes Mal. Aber das muss dir und vor allen Dingen Refn vermutlich durch den Kopf gegangen sein. Vielleicht wart ihr beide voll oder high oder beides, als ihr beschlossen habt, so ungefähr das gleiche nochmal zu machen, nur am besten in Südamerika oder Moldavien oder Thailand.

Ich hab’s wirklich versucht. Auch und gerade weil ich doch “Drive” so mag und schon so oft mit offenen Fenstern und “Tick of the Clock” von den Chromatics auf Endlos durch die Nacht gefahren bin. Aber das einzige, das funktioniert hat, war etwas, das es so in “Drive” nicht gab, nämlich Kristin Scott Thomas als deine Mutter.

Eine Chance hast du ja noch, aber wehe du verkackst “Place beyond Pines”, dann gibt’s Ärger.

Gruß und Kuss,

PE

Konditioniere dich selbst, bevor es ein anderer tut, oder: Veränderung ist gut, kann aber auch weh tun.

Als 2006 das Haus gebaut wurde, hatte mein Vater natürlich geholfen den Wasserhahn in der Küche anzubringen. Klar, als Rohrlegermeister musste er immer ran, wenn es bei seinen Söhnen etwas in der Art zu tun gab. Nicht nur Wasserhähne, quasi alles Handwerkliche war seins, von Steckdosen anbringen bis Fliesen kleben.

So war es allein dem Küchenunterschrank anzulasten, dass der Wasserhahn wackelte und sich nicht richtig fixieren ließ. Wenn mein Vater zu Besuch kam, erkundigte er sich danach, aber natürlich hatte ich mich nie darum gekümmert. Einmal brachte er eine Unterlegscheibe mit, die er von Hand so präpariert hatte, dass sie den Hahn endgültig fixieren würde. Er gab sie mir – er hatte sich wohl auch überlegt mir nicht anzubieten, sie für mich anzubringen – und ich legte sie weg.

Am Ende der letzten Woche nun – mehr als sechs Jahre später – stand ich wie hunderte Male zuvor an diesem Wasserhahn und hielt mit der einen Hand den Hahn fest, während ich mit der anderen den Hebel bewegte, um die Temperatur einzustellen. Eine Bewegung, die sich zum Beispiel beim Abschrecken von gekochten Eiern anbot: mit dem Topf mit heißem Wasser gegen den Hahn drücken, mit der anderen Hand den Hebel auf Kalt stellen, gleichzeitig öffnen und den Topf drunter halten. Ich hatte mich über die Jahre so konditioniert, dass das eine ganz natürliche, fließende Bewegung war.

Ich fragte mich auf einmal, ob ich denn noch ganz richtig war, das so hinzunehmen. Die Unterlegscheibe lag immer noch genau dort, wo ich sie damals hingelegt hatte: in einer kleinen Plastiktüte unter der Spüle, zusammen mit ein paar kleinen Schrauben, um sie ein für allemal zu befestigen. Innerhalb von 20 Minuten hatte ich die Leitung abmontiert, die alte Scheibe durch die neue ersetzt, diese festgeschraubt und alles wieder in Gang gesetzt. Von nun an sitzt der Hahn fest und dreht sich nicht mehr mit, wenn man den Hebel bewegt.

Und nicht nur das: von nun an – fast drei Jahre nach seinem Tod – werde ich jedes Mal an meinen Vater denken, wenn ich mir die Finger in der Küche verbrühe. Denn durch den Umbau ist die Hebel-Stellung für “ultraheiß” dort wo früher lauwarm war. Jetzt muss ich mir nur noch abgewöhnen, mit dem Topf gegen den Hahn zu drücken, wenn ich ihn auf Kalt stelle.

Selbstmanagement

Seitdem ich fahre wie ein Arschloch, habe ich mir abgewöhnt an der Ampel in andere Autos reinzuschauen.

Zaungast

Ich hatte meinen Nachbarn aus der Ferne gegrüßt, er winkt nur zurück, aber seine Frau hält mich auf und kommt an den Zaun.

“Sagen Sie, sind Sie am soundsovielten Mai zuhause?”

Ich ahnte Böses. Ein Einladung zum Grillen? Davon hatten wir es mal. Klar könnte man das mal machen, sich kennenlernen, immerhin hatten die mir seinerzeit erlaubt den Baustrom aus deren Leitungen zu zapfen und Dietmar hatte ja nicht gespart und denen einen riesigen Stromzähler an die Wand getackert und die hatten nicht mal gezuckt. So richtig kennen gelernt hatten wir uns bisher jedoch nicht. Selbst bei ihren Vornamen würde ich passen müssen.

“Ähm.” Ich versuchte Zeit zu schinden. Wollen wir wieder was von der Eiche absägen? “Etwas lichten” hatte er damals gesagt und dass es ja uns beiden zu Gute kommen würde, er hätte da einen Freund, der hat einen Schein für eine Kettensäge, nicht ganz ungefährlich, die Benzin betriebenen. Ich hatte mich dann mit unter die Eiche gestellt, die genau auf unserer gemeinsamen Grundstücksgrenze steht, vor uns stand der alte Wohnwagen mit dem Plastikdach darüber, auf dem im Herbst immer so schön die Eicheln klackerten. Ich war bereit zu tun, was immer von mir erwartet wurde, immerhin war der Freund mit dem Kettensägenschein ja in den Baum geklettert. Nach den ersten gezielten Schnitten raste ein mannsgroßer Ast durch das Wellplastikdach und blieb im Dach des Wohnwagens stecken, der darunter stand.

“Ja, ich glaub, ich bin da, bin nicht ganz sicher.” So ist es gut, eine Hintertür offen lassen. Vielleicht gibt es ja nur eine kurze Zeremonie für Kater Paulchen, dem es letztens nicht so gut ging und der auch schon reichlich verwest aussah, wie er da in der Ecke hockte und von der weißen Schweizer Schäferhündin zusammengekläfft wurde. Am nächsten Morgen hatte ich den Nachbarn beobachtet, wie er die Katzenkiste auf der Mülltonne abstellte und den Spaten wieder in den Schuppen brachte.

“Also”, sagt sie, “wir haben ja alle anderen Nachbarn eingeladen. Ich habe ja Geburtstag und das feiern wir in diesem Restaurant, das ist ja nicht grad um die Ecke.” Ich lag also richtig. Nachbarn-Bonding. Puh. Naja, ich werde erstmal nicken und zusagen und am Ende tut’s vielleicht ein kleines Mitbringsel und eine Grillwurst, die über den Zaun gereicht wird.

“…und da wollten wir Sie fragen, ob Sie vielleicht auf die Hunde aufpassen könnten.” Was? Moment. Wie, alle anderen Nachbarn sind eingeladen…?

Long time no see

Am Ende rächte sich mein selbst zusammengefrickeltes Content Management System, das den Namen nicht verdiente damit, dass es nicht mehr anständig zu benutzen war. Bilder hochladen ging nur per ftp, richtig zugeschnitten mussten sie auch schon sein und mal eben einen schmalen Satz oder einen witzigen Kommentar zur Weltlage zu schreiben war wie Steinplatten bemeißeln im Vergleich zu einem Post auf Facebook. Death by Facebook, tatsächlich. Der letzte richtige Beitrag kam dementsprechend Ende 2010 aus meinem Solo-Urlaub in Chile und ich schließe diesen mit dem Hinweis darauf, dass Bilder folgen werden, wenn ich erstmal auf WordPress gewechselt bin.

Keine drei Jahre später ist es nun soweit.

Im letzten Dezember hatte ich bereits erste Schritte unternommen, eine versteckte Seite aufgebaut, Designs getestet und angepasst, bis ich doch wieder die Lust verlor oder keine Zeit mehr hatte, ich weiß es schon gar nicht mehr. Ich schlich durch das Stylesheet, das dann eben doch nicht meins war und suchte nach Farben, Abständen und Formatierungen. Beim letzen Anlauf fand ich endlich ein Theme, das mir auf Anhieb gefiel und nicht viel abverlangte.

Wovor ich mich am meisten fürchte ist, dass ich nun bemüht-witzige Artikelchen schreibe, die nicht mehr den Glanz der alten Einträge haben (manchmal werfe ich Blicke in die Datenbank und erinnere mich fast nicht mehr, jeweils so etwas geschrieben zu haben). Leere Textchen, die eben genauso gut hätten weggelassen werden können. So dass ein Leser erstmal denkt: “Oh, cool, der eraser schreibt wieder”, und dann: “Hm, naja. Mal gucken was bei reddit los ist.” Aber auf der anderen Seite: war das schon mal anders? Ich werd den PE-Neustart einfach nicht groß bewerben und erstmal ein bisschen üben. Vielleicht schaff ich es ja sogar, meine alten Artikel zu importieren, das wär doch was feines.