Konditioniere dich selbst, bevor es ein anderer tut, oder: Veränderung ist gut, kann aber auch weh tun.

Als 2006 das Haus gebaut wurde, hatte mein Vater natürlich geholfen den Wasserhahn in der Küche anzubringen. Klar, als Rohrlegermeister musste er immer ran, wenn es bei seinen Söhnen etwas in der Art zu tun gab. Nicht nur Wasserhähne, quasi alles Handwerkliche war seins, von Steckdosen anbringen bis Fliesen kleben.

So war es allein dem Küchenunterschrank anzulasten, dass der Wasserhahn wackelte und sich nicht richtig fixieren ließ. Wenn mein Vater zu Besuch kam, erkundigte er sich danach, aber natürlich hatte ich mich nie darum gekümmert. Einmal brachte er eine Unterlegscheibe mit, die er von Hand so präpariert hatte, dass sie den Hahn endgültig fixieren würde. Er gab sie mir – er hatte sich wohl auch überlegt mir nicht anzubieten, sie für mich anzubringen – und ich legte sie weg.

Am Ende der letzten Woche nun – mehr als sechs Jahre später – stand ich wie hunderte Male zuvor an diesem Wasserhahn und hielt mit der einen Hand den Hahn fest, während ich mit der anderen den Hebel bewegte, um die Temperatur einzustellen. Eine Bewegung, die sich zum Beispiel beim Abschrecken von gekochten Eiern anbot: mit dem Topf mit heißem Wasser gegen den Hahn drücken, mit der anderen Hand den Hebel auf Kalt stellen, gleichzeitig öffnen und den Topf drunter halten. Ich hatte mich über die Jahre so konditioniert, dass das eine ganz natürliche, fließende Bewegung war.

Ich fragte mich auf einmal, ob ich denn noch ganz richtig war, das so hinzunehmen. Die Unterlegscheibe lag immer noch genau dort, wo ich sie damals hingelegt hatte: in einer kleinen Plastiktüte unter der Spüle, zusammen mit ein paar kleinen Schrauben, um sie ein für allemal zu befestigen. Innerhalb von 20 Minuten hatte ich die Leitung abmontiert, die alte Scheibe durch die neue ersetzt, diese festgeschraubt und alles wieder in Gang gesetzt. Von nun an sitzt der Hahn fest und dreht sich nicht mehr mit, wenn man den Hebel bewegt.

Und nicht nur das: von nun an – fast drei Jahre nach seinem Tod – werde ich jedes Mal an meinen Vater denken, wenn ich mir die Finger in der Küche verbrühe. Denn durch den Umbau ist die Hebel-Stellung für “ultraheiß” dort wo früher lauwarm war. Jetzt muss ich mir nur noch abgewöhnen, mit dem Topf gegen den Hahn zu drücken, wenn ich ihn auf Kalt stelle.

One thought on “Konditioniere dich selbst, bevor es ein anderer tut, oder: Veränderung ist gut, kann aber auch weh tun.

  1. Timo sagt:

    Ich will gar nicht wissen, wie viele dieser unterbewussten Konditionierungen meinen Alltag bestimmen und durch einen simplen 20-Minuten-Fix aus der Welt geschafft werden könnten.

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